Expertenbeitrag

 Johannes Lutz

Johannes Lutz

CEO, 3D Industrie GmbH

Denkanstoß 3D-Druck-Denkfehler // Teil 2

| Aktualisiert am 03.08.2021Autor / Redakteur: Johannes Lutz / Stefan Guggenberger

Der 3D-Druck ist ausgesprochen innovativ und verspricht jede Menge Potenzial. In der Euphorie um das Thema gibt es aber viele Denkfehler, die Sie von der erfolgreichen Nutzung abhalten. Welche das sind und wie Sie die Denkfehler lösen, zeigt 3D-Druckexperte Johannes Lutz.

Firmen zum Thema

Haben Sie mit 3D-Druck schon all Ihre Ziele erreicht oder haben Sie noch Anlaufschwierigkeiten? Vielleicht haben auch Sie einen der 3D-Druck-Denkfehler, die unser Experte Johannes Lutz identifiziert hat.
Haben Sie mit 3D-Druck schon all Ihre Ziele erreicht oder haben Sie noch Anlaufschwierigkeiten? Vielleicht haben auch Sie einen der 3D-Druck-Denkfehler, die unser Experte Johannes Lutz identifiziert hat.
(Bild: 3D Industrie GmbH)

Sie interessieren sich für den 3D-Druck? Oder haben Sie in Ihrem Unternehmen schon additive Fertigungsanlagen angeschafft? Verständlich, viele Verfahren und Technologien haben mittlerweile einen industriellen Reifegrad erreicht und sind sogar für die Serienfertigung geeignet. Trotzdem scheitern viele Unternehmen bei der erfolgreichen Umsetzung des 3D-Drucks. In den seltensten Fällen ist der Misserfolg dabei mit der Technologie zu begründen, sonder viel mehr mit der Herangehensweise der Anwender. Diese Denkfehler können schnell zu Frustration oder sogar zu einer Abkehr von AM führen. Welche Denkfehler auftreten und wie Sie diese lösen können, zeigt unser Experte Johannes Lutz.

Haben auch Sie einen 3D-Druck-Denkfehler gefunden, dann schreiben Sie Johannes Lutz und er wird prüfen, ob er Sie bei der Lösung unterstützen kann. Kontaktmöglichkeiten finden Sie in seinem Expertenprofil am Ende des Artikels.

In diesem Artikel sammeln wir Woche für Woche fünf 3D-Druckdenkfehler. Hier finden Sie die ersten fünf 3D-Druck-Denkfehler.

6. Warum Sie Ihre 3D-Druck-Anwendung besser denn je kennen sollten

Sie warten auf den perfekten Kunststoff, der exakt die geforderten Eigenschaften und Toleranzen für ihre Anwendung hat, um den 3D-Druck in Ihrem Unternehmen umzusetzen? Wenn Sie auch so denken, dass Sie 3D-Druck wegen fehlender Materialien beziehungsweise deren Eigenschaften nicht einsetzten können, dann sind Sie auf den ‚3D-Druck Verdrängungs-Denkfehler‘ hereingefallen, den Sie besser anderen überlassen sollten.

Datenblätter mit Werkstoffkennwerten des Druckmaterials und technischen Eigenschaften der Drucktechnologien sind beliebter denn je. Überlegt man eine Anwendung mit dem 3D-Drucker fertigen zu lassen, so ist die Rückfrage nach technischen Datenblättern vor Auftragserteilung Standard. Es geht darum, sich rückzuversichern, damit die Produktion auch erfolgreich wird. Soll eine neue Anwendung aber additiv gefertigt werden, scheitert die Umsetzung oft daran, dass es das geforderte Material noch nicht gibt oder die Toleranzen nur sehr schwer einzuhalten sind. Scheinbar können viele Anwendungen, für die eine 3D-gedruckte Lösung angestrebt wird, wegen fehlender Werkstoffe oder weiteren technischen Eigenschaften nicht realisiert werden.

Warum aber lassen Sie sich von den alten Vorgaben der Anwendung blenden? Wieso nehmen Sie die geforderten Eigenschaften so hin, obwohl Sie die Anwendung selbst nie richtig hinterfragt haben?

Es scheint, als wären Sie auf den ‚3D-Druck Verdrängungs-Denkfehler‘ hereingefallen. Dieser zeigt sich dann, wenn man das Qualifizieren und Untersuchen der additiven Anwendung verdrängt und sich viel eher mit unwichtigeren Themen beschäftigt, die bestätigen, dass das Umsetzten der Anwendung mit 3D-Druck nicht funktionieren würde. Sollten Sie also nach einem bestimmten Werkstoff mit besonderen Eigenschaften suchen und enttäuscht sein, dass dies noch nicht möglich ist, sollten Sie Ihre Anwendung hinterfragen. Ist dieser Werkstoff unbedingt notwendig und könnte eine Neukonstruktion die Machbarkeitswahrscheinlichkeit erhöhen? Fällt Ihnen dieses Umdenken schwer, könnte es sinnvoll sein, eine qualifizierte Zweitmeinung von einem herstellerneutralen Berater einzuholen.

7. Warum die beste 3D-Druck-Technologie bei genauerer Betrachtung oft wertlos ist

Um Anwendungen mit 3D-Druck umzusetzen, müssen Sie sich für die beste Drucktechnologien entscheiden? Wenn Sie glauben, die Drucktechnologie wäre für die Anwendungen verantwortlich, dann sind Sie auf den ‚3D-Druck Illusions-Denkfehler‘ hereingefallen, den Sie besser anderen überlassen sollten.

In Werbebroschüren und auf den Webseiten der Hersteller wird oft mit spektakulären sowie schnell umsetzbaren Use-Cases geworben, die nur mit der eigens entwickelten und besonders hochgelobten Drucktechnologie möglich sind. So passen die im Unternehmen schlummernden Anwendungen hervorragend zur beworbenen Drucktechnologie, der dazugehörigen Software und den nachgelagerten Prozessen.

Es wirkt so, als wäre die Auswahl der richtigen Technologie von allergrößter Bedeutung. Dazu müssen Sie Übersichten studieren und eigene Tabellen für den Vergleich der Verfahren anlegen. Es geht ja schließlich darum, die beste Drucktechnologie mit möglichst vielen technischen Features und Vorteilen auszuwählen.

Warum aber gibt es Unternehmen die nicht die neuste oder teuerste Technologie einsetzen und trotzdem hervorragende 3D-gedruckte Lösungen produzieren?

Es scheint, als wären Sie auf den ‚3D-Druck Illusions-Denkfehler‘ hereingefallen. Diese Unternehmen haben die gedruckten Teile nicht wegen der eingesetzten Drucktechnologie, sondern aufgrund gut qualifizierter Anwendungen. Sie sind so gut im 3D-Drucken von Lösungen, weil Sie Anwendungen identifiziert haben und diese auch umsetzen. Verwechseln Sie nicht das Auswahlkriterium mit dem eigentlich gewollten Ergebnis. Überall dort, wo etwas Erstrebenswertes angepriesen wird, sollten Sie genauer hinsehen, oder auf einen herstellerneutralen Berater vertrauen, der diese Anwendungen mit Ihnen zusammen erarbeitet und hilft, die dafür richtige Technologie auszuwählen.

8. Warum Sie nur aufgrund einer 3D-Druck-Idee nicht sofort alle Details kennen können

Die Idee aus einem Webinar, in dem eine 3D-Druck-Anwendung erklärt wird, bringt Sie noch lange nicht sicher an Ihre 3D-gedruckte Lösung! Wenn Sie auch denken, nur weil Sie eine anfängliche Idee über die Machbarkeit mit 3D-Druck haben und sofort die Details in der Umsetzung erahnen können, dann sind Sie auf den ‚3D-Druck Gedankenblitz-Denkfehler‘ hereingefallen, den Sie besser anderen überlassen sollten.

Der hellste Geistesblitz über die Machbarkeit Ihrer 3D-gedruckten Lösungen lässt Sie noch lange nicht triumphieren. Bis zum Erreichen Ihres Ziels sind noch viele Zwischenschritte, Herausforderungen und Ausarbeitungen von Details notwendig. Würde es tatsächlich so einfach gehen, wie in dem Webinar aufgezeigt, würden sich nicht so viele Interessierte das Webinar ansehen, sondern hätten es selbst längst umgesetzt.

Es scheint so, als kenne man den Weg von der additiven Konstruktion über den Export der Datei bis zur Material- und Parameterauswahl von Anhieb an, da es im Webinar auch so einfach erklärt wurde. Die Umsetzung wirkt so einfach als könne man sie an einem Vormittag mal eben aus dem Ärmel geschüttelt – Plug & Play eben.

Warum aber scheitern so viele Unternehmen, schon weit bevor der 3D-Drucker überhaupt zum Einsatz kommt? Hat man es sich nicht viel einfacher vorgestellt?

Es scheint als wären Sie auf den ‚3D-Druck Gedankenblitz-Denkfehler‘ hereingefallen. Wir leben in einer Welt, in der man sich die nötigen Informationen und Anleitungen durch Videos beibringen lässt. Sätze wie: „Lass mich mal ran, ich habe da ein Video gesehen, ich weiß genau wie das geht.“ sind an der Tagesordnung. Nur weil Sie jetzt eine Idee von einer Lösung Ihres Problems haben, macht Sie das noch lange nicht zum Meister der Situation. Stellen Sie sich viel eher die Frage: „Was ist konkret mein nächster Schritt und welchen Schritt mache ich darauffolgend?“ Sollten Sie dazu keine Antwort haben, bitten Sie bei einem Berater oder Experten um Rat. Er gibt Ihnen einen Weg vor und unterstützt Sie bei der Umsetzung Ihres Vorhabens.

9. Warum Sie trotz 3D-Druck nicht alle bestehenden Prozesse in Frage stellen sollten

Ist 3D-Druck erst einmal im Unternehmen implementiert, sind die Fertigung und die hergestellten Bauteile auf einem neuen Level! Wenn Sie auch denken, dass durch eine neue Fertigungstechnologie alles Bestehende in Frage gestellt werden muss, dann sind Sie auf den ‚3D-Druck Befangenheits-Denkfehler‘ hereingefallen, den Sie besser anderen überlassen sollten.

Die additive Fertigung verändert Produktionsprozesse in Unternehmen und hat auch schon dazu geführt, Märkte wie die Hörgerätebranche in weniger als zwei Jahren komplett zu verändern. Ihre Brille, die Sie gerade für das Lesen dieser Zeilen tragen, könnte ebenfalls bereits additiv gefertigt sein. Zunehmend werden Produkte des täglichen Gebrauchs mit Hilfe des 3D-Drucks hergestellt oder sogar komplett additiv erzeugt.

Es sieht wohl so aus, als wären dies alles Gründe, um der additiven Fertigung Respekt zu zollen und entsprechend alle bestehenden Strukturen im Unternehmen in Frage zu stellen. Es wirkt so, als müsste eine disruptive Veränderung herbeigeführt werden, die das eigene Unternehmen einen gehörigen Schritt voranbringt. Aber Ist es wirklich Zeit, jeden Stein umzudrehen und die Wertschöpfungsketten genauestens zu durchleuchten?

Warum aber verändert sich nicht jedes Unternehmen, nachdem es die additive Fertigung implementiert hat?

Es scheint, als wären Sie auf den ‚3D-Druck Befangenheits-Denkfehler‘ hereingefallen. 3D-Druck kann Prozesse positiv beeinflussen, jedoch sollte ein funktionierender und bewährter Prozess nicht sofort in Frage gestellt werden. Bei der Implementierung des 3D-Drucks sollten Sie eher von einem bestehenden Problem an in Anwendungen rückwärts denken. Dabei liegt der Blick auf der Problematik, die durch das Drucken von Bauteilen clever gelöst wird. Schären Sie also nicht alles über einen Kamm, sondern lassen Sie sich von einem Berater oder Experten die richtige Brille für 3D-Druck aufsetzen, um die richtigen Anwendungen zu finden.

10. Warum ein missglückter 3D-Druck-Versuch nie endgültig ist

Der 3D-Druck-Dienstleister hat die additiv erzeugten Teile geliefert, diese wurden eingebaut und danach brach das Chaos aus: Die Teile sind gebrochen oder waren von Beginn an nicht verwendbar. Wenn Sie auch glauben, dass aufgrund einer missglückten Anwendung Ihr Vertrauen in den 3D-Druck ins Bodenlose gefallen ist, dann sind Sie auf den ‚3D-Druck Misserfolgs-Denkfehler‘ hereingefallen, den Sie besser anderen überlassen sollten.

Jeder kennt Horrorgeschichten über abgebrochene Druckjobs, fehlerhaft gedruckte und zerbrochene Bauteile. Enttäuschte Kunden und zerplatze Traumvorstellungen, dass 3D-Druck der lang ersehnte Problemlöser ist, schwingt in jeder Besprechung mit potenziellen Kunden mit. Ein Grundmisstrauen bleibt deshalb immer im Hinterkopf, wenn Bauteile das Unternehmen zum Kunden verlassen.

Es sieht wohl so aus, als würden 3D-gedruckte Anwendungen immer auf einem ‚wackeligen Boden‘ stehen. Als wäre man niemals sicher und keiner kann einem schriftlich versichern, ob die Bauteile genau den Ansprüchen standhalten werden.

Warum aber finden 3D-gedruckte Bauteile dann bereits in der Luft- und Raumfahrt erfolgreich Anwendung, obwohl es in keiner anderen Branche so viele Auflagen und Vorschriften gibt?

Es scheint als wären Sie auf den ‚3D-Druck Misserfolgs-Denkfehler‘ hereingefallen. So ist der erste Berührungspunkt mit 3D-Druck oft entscheidend für zukünftige Projekte mit dieser Technologie. Wichtig für den Start mit 3D-Druck ist, viele Fragen zu stellen, dem 3D-Druckdienstleister zu vertrauen und dessen Geschick in der Qualifizierung Ihrer Anwendung nicht zu belächeln oder in Frage zu stellen. Erfahrungen aus der Vergangenheit haben gezeigt, dass die verlorene Anerkennung von 3D-Druck oft wegen zu schlecht qualifizierter Anwendungen zum Opfer gefallen sind. Geben Sie 3D-Druck die richtige zweite Chance, denn im übertragenen Sinne meiden Sie auch nicht jedes italienische, chinesische oder heimische Restaurant, nur weil es Ihnen einmal nicht geschmeckt hat.

Noch mehr 3D-Druck-Denkfehler? Jeden Mittwoch erscheint hier und auf unseren Social-Media-Kanälen (LinkedIn und Twitter) ein neuer Denkfehler.

(ID:47494134)

Über den Autor

 Johannes Lutz

Johannes Lutz

CEO, 3D Industrie GmbH