Additive Fertigung Der Krisenmanager von 3D Systems

Autor: Simone Käfer

Das Mutterhaus der Additiven Fertigung ist in Schieflage. Man hat Jeffrey Graves zum Geschäftsführer ernannt. Er stößt etwa 20 % des Unternehmens ab. Warum?

Firmen zum Thema

Dr. Jeffrey Graves ist seit Ende Mai 2020 CEO von 3D Systems. Er soll das US-amerikansiche Unternehmen aus der Additiven Fertigung aus der Krise holen.
Dr. Jeffrey Graves ist seit Ende Mai 2020 CEO von 3D Systems. Er soll das US-amerikansiche Unternehmen aus der Additiven Fertigung aus der Krise holen.
(Bild: 3D Systems)

Das US-amerikanische 3D Systems ist das weltweit erste Unternehmen des 3D-Drucks – einer seiner Gründer hat die Stereolithografie erfunden – und ist als Marktführer immer gewachsen. Am 26. Mai 2020 wurde Dr. Jeffrey Graves zum neuen CEO von 3D Systems ernannt – mitten in der Corona-Krise. Graves kennt sich mit Change-Prozessen in Krisenzeiten aus, unter anderen hat er das Messtechnik-Unternehmen MTS Systems durch eine Veränderung geführt. Die Strategie für 3D Systems beinhaltet, 20 bis 30 % des Unternehmens abzustoßen. Warum das zum Kern der Rettung gehört, erklärt Graves im Gespräch. Was uns auch interessiert hat: Wie steht er zur Additiven Fertigung?

Mr. Graves, Sie übernahmen die Geschäftsführung von 3D Systems vor sieben Monaten, in einer Krise, deren Ende noch nicht in Sicht ist. Man kann das mutig nennen. Wie nennen Sie es?

Mutig ist ein sehr starker Begriff. Ich würde andere Worte wählen … Es ist immer eine Herausforderung, in Krisenzeiten eine Führungsrolle zu übernehmen – besonders in einer Krise, die so furchtbar ist wie diese. Aber ich glaube fest daran, dass Menschen stark und flexibel sind, dass wir uns anpassen, wenn es nötig ist. Obwohl dieses Virus eine so beängstigende Sache ist, haben so viele Menschen alles am Laufen gehalten. Diese Menschen sind wirklich tapfer!

Krisen zeigen uns, dass nichts sicher ist und wir steter Veränderung unterliegen. Auch Unternehmen müssen sich anpassen. Sind Sie eine Koryphäe auf dem Gebiet des Krisenmanagements?

Ach, naja … Ich habe viel geübt. 3D Systems ist das vierte Unternehmen, das ich durch einen Change-­Prozess führe. Bei so einer Aktiengesellschaft steht man unter Beobachtung, man muss die Quartalszahlen veröffentlichen und man hat verschiedene Interessengruppen vor sich. Es ist eine echte Herausforderung! Aber man wird mit der Zeit immer besser. Außerdem ist die Additive Fertigung eine spezielle Branche und 3D Systems ist ein besonderes Unternehmen. Ich bin gespannt auf die Herausforderung!

Was ist so besonders an 3D Systems?

Es gibt viele Leute in der Additiven Fertigung, die die Branche vorangetrieben haben und stolz auf ihre Erfolge sein können. Aber mit Chuck Hull und 3D Systems hat alles begonnen. Ich bin mir sicher, wenn wir das Unternehmen weiterhin gut führen, können wir in der AM-Branche führend bleiben. Man muss schnell sein, man muss sich verändern. Denn der Markt entwickelt sich weiter. Aber wir haben eine großartige Geschichte, eine ganz besondere Unternehmenskultur und vor allem haben wir großartige Mitarbeiter, die wirklich verstehen, worin wir sehr gut sind und sein können.

Sie haben es selbst erwähnt: Die Additive Fertigung ist eine spezielle Branche. Sind Sie denn dafür gerüstet?

Es ist verrückt, wie das Leben so spielt. Ich habe einen Doktor in Werkstoffwissenschaften und hatte mich auf Titanpulver-Metallurgie spezialisiert. Meine ganze berufliche Laufbahn ist geprägt durch Werkstoffe in Pulverform und Advanced Materials. Ich mag diesen Teil der Additiven Fertigung besonders. Dazu kommt noch, dass ich zuletzt bei dem Prüftechnikunternehmen MTS war. Etwa 20 Prozent des Geschäfts beschäftigten sich mit Materialtests und dem Prüfen von additiv gefertigten Teilen. Also ja, mein beruflicher Hintergrund ist dafür gut geeignet – und ich bin mit Leidenschaft dabei!

Zu Ihrem Umstrukturierungsprozess bei 3D Systems gehört, dass Sie einige Geschäftsfelder verkaufen.

Um als Unternehmen in der Additiven Fertigung wirklich gut zu sein, gehören Expertise in der Hardware, der Software und den Materialien dazu. Wenn auch nur eine davon fehlt, hat man kein zukunftsfähiges Geschäft. Was wir verkaufen, sind ehemals zugekaufte Software­töchter, die rein gar nichts mit Additiver Fertigung zu tun haben. Unser Kerngeschäft liegt in der Additiven Fertigung, darauf konzentrieren wir uns.

Hätte es die Veränderungen auch ohne die Covid-19-Pandemie gegeben?

Oh ja, definitiv! Meine Gespräche mit dem Board of Directors* von 3D Systems begannen schon vor der Corona-Krise. Da war schon klar, dass es einen Change braucht, und das Board suchte jemanden, der das Unternehmen wieder auf Kurs bringt, den Fokus auf sein Geschäftsmodell richtet.

Was sind die drei wichtigsten Punkte, wenn man ein Unternehmen durch einen Change-Prozess führt?

Es geht nicht so sehr um drei Punkte, vielmehr gibt es Fragen, die ein CEO stellen sollte. Erstens: Was ist das Hauptprodukt, auf dem alles aufbaut? Denn das ist das Herz des Unternehmens, darin ist man wirklich gut. 3D Systems hat mit dem 3D-Drucker begonnen, dann brauchten wir die Software dazu und die Materialien. Additive Fertigung ist unser Kernprodukt, darin sind wir gut. Daraus ergibt sich die zweite entscheidende Frage für einen CEO: Kann ich aus meinem Kernprodukt ein Geschäftsmodell generieren, das auch künftig Bestand hat?

Das ist wohl recht schwierig zu beantworten, wenn man nicht in einer so wachsenden Branche beheimatet ist. Aber was ist die dritte Frage?

Die letzte Frage, die sich ein CEO bei dem Change eines Unternehmens stellen sollte, ist dafür einfacher zu beantworten: Welche Schritte sind nötig, damit wir uns auf unser Kerngeschäft konzentrieren können? Viele Unternehmen stecken zu viel in Aktionen an ihrer Peripherie. Damit sollte man so schnell wie möglich aufhören und sich ausschließlich um seine Kernkompetenzen kümmern. Die sind es wert, dass sie weiterentwickelt werden.

Verraten Sie uns Ihr Erfolgsrezept?

Ein neuer Geschäftsführer oder eine neue Geschäftsführerin sollte sich zuerst die Unternehmenskultur ansehen. Ich sehe mir die Wurzeln, die Eingeweide des Unternehmens an, höre wie es tickt und wie die Angestellten im Takt mit­summen. Wenn man in diesem Takt mitschwingt, die Mitarbeiter und das Unternehmen versteht, dann kann man sehr schnell Großartiges erreichen. MM

Dieser Beitrag einstand in Zusammenarbeit mit MM MaschinenMarkt

*Anmerkung der Redaktion: Das Board of Directors entspricht etwa dem Vorstand und Aufsichtsrat bei deutschen Aktien­gesellschaften.

(ID:47036512)

Über den Autor

 Simone Käfer

Simone Käfer

Redakteurin für Additive Fertigung