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Corona – und dann?! Die Krise öffnet Türen für den industriellen 3D-Druck

| Autor / Redakteur: Gary Huck / Stefan Guggenberger

In der aktuellen Krise kann die additive Fertigung ein Fundament für die Zukunft legen. Wir haben mit Brancheninsidern über die Chancen des 3D-Drucks gesprochen, die sich in dieser Ausnahmesituation ergeben.

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Unser Brancheninsider sprechen über Chancen, die sich für die additve Fertigung in der Coronakrise ergeben
Unser Brancheninsider sprechen über Chancen, die sich für die additve Fertigung in der Coronakrise ergeben
(Bild: gemeinfrei // unsplash)

In einer wirtschaftlichen Ausnahmesituation wie der Coronakrise zeigt sich, welches Potenzial in manchen Technologien und Entwicklungen steckt. Die Arbeitskultur verschiebt sich zum Mobile Work und manche Unternehmen realisieren lang überfällige Digitalisierungsprojekte. In dieser Umbruchstimmung bietet sich auch der additiven Fertigung die Chance, ihren Wert gegenüber traditionellen Fertigungsmethoden zu zeigen. Individualisierte Teile bis Losgröße 1 schnell drucken zu können, klingt nach der Lösung für Lieferengpässe und Produktionsausfälle. Und nach der Krise könnte man unabhängiger und flexibler bei der Lieferkette sein. In der Realität sieht es aber etwas anders aus. Der 3D-Druck bietet mit Blick auf Ad-hoc-Lieferketten durchaus Potenzial, die definitive Lösung ist er aber nicht.

Nach der Krise können Lieferketten mit AM aufgebaut werden

Um kurzfristig Lieferengpässe bei der Ersatzteilbeschaffung zu überbrücken, kann der 3D-Druck helfen. Diese Teile sind relativ einfach aufgebaut und müssen nicht erst langwierig getestet und zertifiziert werden. „Wenn CAD/CAM-Datensätze vorhanden sind, kann die Produktion in kürzester Zeit anlaufen“, sagt Matthias Schmidt-Lehr Geschäfsführer des Beratungsunternehmens Ampower. Aktuell profitiert davon vor allem die Medizintechnik. Maskenteile, Halterungen für Beatmungsgeräte oder Gesichtsschutzkomponenten können vor Ort gefertigt und gleich verwendet werden.

3D-Druck kann seine Vorteile auch über das Ende der Krise hinaus ausspielen. Noch ist zwar nicht absehbar wann, aber die Rückkehr zur Normalität, sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich, wird kommen. Wenn es soweit ist, wird der Bedarf an allerlei Produkten wieder steigen. Dadurch können Lieferketten, Produktionen und Lager kurzfristig überfordert werden. „Die additive Fertigung kann Lieferketten unterstützen, während sie aufgebaut werden. Mit dieser Unterstützung kann man schneller wieder auf ein normales Niveau kommen“, meint Dr. Philipp Imgrund vom Fraunhofer IAPT.

Jetzt ist die Zeit der 3D-Druckdienstleister gekommen

Wie bereits erwähnt ist der 3D-Druck aber keine definitive Lösung für Beschaffungsprobleme. Das Stichwort ist hierbei vor allem „Massentauglichkeit“. „Eine industrielle Massenproduktion ist mit additiver Fertigung noch nicht möglich“, meint Stefan Holländer Managing Director EMEA bei Formlabs. Auch Dr. Jakob Heinen von der Kühne Logistics University führt an, dass 3D-Druck noch nicht das Potenzial hat, eine Lieferkette vollständig zu versorgen.

Die fehlende Massentauglichkeit ist nicht der einzige limitierende Faktor. Die Zeit spielt auch eine Rolle. „Man kann 3D-Druck nicht einfach von heute auf morgen nutzen. Man muss erst einmal wissen, welche Teile man braucht, welcher Werkstoff geeignet ist und die Konstrukteure müssen ihre Arbeit auf den AM-Prozess anpassen“, erklärt Christoph Klahn Head of Design for New Technologies bei Inspire. Selbst wenn man keinen eigenen Drucker hat und Waren von einem Dienstleister fertigen lassen will, müssen diese Punkte beachtet werden.

Laut Holländer gibt es bereits für etwa 5000 Euro Desktop-3D-Drucker, aber auch die sind von der Anlaufphase nicht ausgenommen. Momentan kann man nur unzureichend für die Zukunft planen. Bei Investitionen sind die meisten Unternehmen gerade relativ zurückhaltend. Christoph Klahn meint dazu: „Jetzt ist nicht die Zeit Additive Fertigung im eigenen Unternehmen zu etablieren. Man sollte aktuell lieber auf Dienstleister setzen.“ Mit Blick auf die aktuelle Lage scheint es insgesamt die bessere Entscheidung zu sein, auf Dienstleister auszuweichen, wenn man noch keine eigenen Drucker hat

Das käme der AM-Branche auch insgesamt zu Gute. In dieser tummeln sich viele junge Unternehmen und Start-ups. Solche Betriebe sind häufig noch auf Investoren angewiesen. Wenn die aufgrund der wirtschaftlichen Lage nicht zahlen wollen oder können, muss man andere Möglichkeiten finden, liquide zu bleiben. Fertigungsaufträge aus dem Maschinen- und Formenbau sowie der Medizinindustrie könnten einige dieser Unternehmen am Leben halten.

In Zukunft robuste Lieferketten und reduzierte Lagerhaltung dank 3D-Technologie

3D-Druck ist ein valides Mittel, um in Krisenzeiten kurzfristig Lieferengpässe zu überbrücken. In der Fertigung einfacher Ersatzteile, die ohne weiterführende Tests und Zertifizierungen verwendet werden können, steckt das größte Potenzial. Abgesehen vom direkten Einfluss, den 3D-Druck momentan auf die Industrie nehmen kann, eröffnet sich auch die Chance zu zeigen, was die AM-Branche in Zukunft leisten kann. Dr. Imgrund sagt dazu: „3D-Druck kann sich jetzt etablieren. Es braucht die Ausnahmesituation, damit Unternehmen Konzepte überdenke. Die AM-Branche kann jetzt ein Fundament für die Zukunft legen.“ Eine unabhängigere Teilebeschaffung, robustere Lieferketten und reduzierte Lagerhaltung sind alles Kriterien, die nach der Krise eine größere Rolle spielen können.

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