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Kurtz Ersa - Interview "Wir wollen ein Industriekonzern sein, der auf mehreren Beinen steht"

| Redakteur: Nicole Kareta

Bereits im Februar machte die Kurtz GmbH, ein Geschäftsbereich der Kurtz Holding GmbH & Co. Beteiligungs KG, die Planung einer strategischen Neuausrichtung bekannt. Im Interview erklärt CEO Rainer Kurtz die Hintergründe der Entscheidung und spricht über die Herausforderungen während der Corona-Krise.

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Künftig soll sich die Kurtz GmbH vorrangig auf die Geschäftsfelder Automotive und Protective Solutions konzentrieren.
Künftig soll sich die Kurtz GmbH vorrangig auf die Geschäftsfelder Automotive und Protective Solutions konzentrieren.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Mit ihrem Schwerpunkt Moulding Machines bildet die Kurtz GmbH einen von drei Geschäftsbereichen der Kurtz Holding GmbH & Co. Beteiligungs KG. In dem Business Segment mit rund 80 Ingenieuren und Technikern werden an den Standorten Wiebelbach und Wertheim in Deutschland sowie in einem Werk in China schon seit Jahrzehnten Schaumstoffmaschinen und Gießereimaschinen hergestellt. Nun kam es zur Neuorganisation der Kurtz GmbH. Aus diesem besonderen Anlass war die Spotlightmetal-Redaktion am Firmensitz in Wiebelbach vor Ort und hat den Vorsitzenden der Geschäftsführung Rainer Kurtz (CEO) zu den aktuellen Entwicklungen – auch im Zusammenhang mit der Corona-Krise – befragt.

Die Kurtz GmbH beim Forum Giesserei-Industrie 2020

(Source: SPOTLIGHTMETAL)

Auf dem "Forum Gießerei-Industrie" vom 4. bis 5. November 2020 in Würzburg ermöglicht SPOTLIGHTMETAL einen exklusiven Branchendiskurs. Top-Speaker der Gießerei-Branche geben Impulse und zeigen Wege aus der Krise. Auch Lothar Hartmann, Geschäftsleitung Automotive der Kurtz GmbH, wird dabei sein und über das "Spannungsfeld Einkauf und Lieferantendasein – was sind die Entscheidungsmerkmale: Budget, billig oder preiswert?" referieren.
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Im Interview spricht Rainer Kurtz darüber, was es mit der Neuausrichtung auf sich hat und erklärt die als Weltneuheit angesehene Radiofrequency Technology, welche kürzlich im Kompetenzcenter des Unternehmens entwickelt wurde.
Im Interview spricht Rainer Kurtz darüber, was es mit der Neuausrichtung auf sich hat und erklärt die als Weltneuheit angesehene Radiofrequency Technology, welche kürzlich im Kompetenzcenter des Unternehmens entwickelt wurde.
(Bild: Kurtz GmbH)

SPOTLIGHTMETAL: Mitte Februar, also kurz vor Beginn der Corona-Krise in Deutschland, machte die Kurtz GmbH die Planung einer strategischen Neuausrichtung öffentlich. Grund seien „gravierende Veränderungen“ in den Bereichen Schaumstoffmaschinen und Gießereimaschinen. Was genau kann man darunter verstehen?

Rainer Kurtz: Der Hauptgrund für die strategische Neuausrichtung liegt darin, dass wir in beiden Geschäftsfeldern massive Umsatzeinbrüche zu verzeichnen hatten. Das liegt erstens daran, dass einer unserer größten Abnehmer von Maschinen in der Kunststoffverarbeitung aufgrund von eigenen Planungsschwierigkeiten weggefallen ist und wir trotz der sich nun wieder bessernden Auftragslage das Volumen der Vergangenheit nicht aufrechterhalten können. Zweitens kommt die große Debatte rund um Kunststoffverpackungen hinzu, welche unsere Kunden verunsichert und auf deren Seite zu Überkapazitäten führt. Folglich wird im Moment auch nicht investiert. Und drittens vollzieht auch der Automobilbereich derzeit einen technologischen Wandel. Trotz sehr guter Geschäfte in der Vergangenheit mit Automobilzulieferern und OEMs ist momentan auch hier eine Überkapazität vorhanden. Wir durchleben gerade eine Zeit, in der nicht mehr nur noch Verbrenner im Fokus steht, sondern auch von batteriebetriebenen sowie Hybridfahrzeugen und sogar von Wasserstoff die Rede ist. Wohin die Reise geht, lässt sich derzeit nicht sicher sagen, weswegen auch hier die Investitionen gestoppt werden. Da wir alle Kurtz Ersa Produkte an unserem lokalen Standort hier in Wiebelbach und in China produzieren, können die anderen beiden Bereiche Electronics Production Equipment und Kurtz Ersa Automation gewisse Einbußen im Feld Moulding Machines teilweise wieder ausgleichen. Aber langfristig gesehen muss die Produktion um die Hälfte zurückgefahren werden und an diesem Punkt sind strukturelle Änderungen zwingend notwendig.

SPOTLIGHTMETAL: Welche konkreten Veränderungen sieht die Kurtz GmbH im Rahmen der Neuausrichtung vor?

Rainer Kurtz: Als erste Maßnahme mussten wir 20 Stellen abbauen. Doch langfristig gesehen war dieser Schritt nicht ausreichend, sodass wir weitere 40 Mitarbeiter in andere wachsende Bereiche der Kurtz Holding GmbH versetzt haben. Des Weiteren haben wir uns dazu entschieden, den gesamten Bereich „Mechanische Bearbeitung“ zu veräußern. Der entsprechende Organisationsprozess wurde bereits in Gang gesetzt, sodass die komplette Vorfertigung voraussichtlich am 01. August 2020 unter neuer Eigentümerschaft an den Start geht. Ein weiterer Bestandteil der Reorganisation der Kurtz GmbH sieht zudem den Launch eines neuen Geschäftsfelds vor, aber über die Richtung darf ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts verraten.

SPOTLIGHTMETAL: Dann bleibt es also auf jeden Fall spannend bei der Kurtz GmbH. Apropos neue Entwicklungen – hatte die Corona Krise zwischenzeitlich einen Einfluss auf die Planung und Umsetzung der Organisationsprozesse?

Rainer Kurtz: Seit wir die strategische Neuausrichtung dem Beirat am 24. Januar 2020 präsentiert haben und diese angenommen wurde, haben wir den Plan konsequent umgesetzt. Damit hatte das Coronavirus zwar keinen unmittelbaren Effekt auf die Umstrukturierung, vielmehr hat die Krise dem gesamten Konzern weltweit signifikante Rückgänge im Geschäft beschert. Vom Auftragseingang her lief das Quartal 1 noch halbwegs wie geplant, da wir den Chinese New Year Effect einkalkuliert hatten. Im zweiten Quartal wurden unsere Erwartungen schon leicht untertroffen und jetzt im dritten Quartal erwarten wir den Tiefpunkt an Auftragseingängen. Gerade liegen wir bei -25% bis -30 %, in manchen Bereichen sogar bei -40% und die Auswirkungen von diesem niedrigen Auftragseingang werden wir auch im vierten Quartal im Umsatz spüren. Wir glauben auch, dass wir im ersten Quartal 2021 noch nicht wieder dort sein werden, wo wir ohne die Corona Krise gewesen wären. Wir haben sogar für das zweite Quartal 2021 noch einen Corona-Effekt eingeplant und hoffen, dass sich die Situation im zweiten Halbjahr wieder normalisiert hat. Im Jahr 2019 konnten wir einen Umsatz von ca. 263 Millionen Euro erzielen und hatten für dieses Jahr noch höhere Ziele, aber durch die Krise verlieren wir jetzt etwa 50 Millionen Euro Umsatz. Das sind sehr unerfreuliche Nachrichten, aber wir haben schon aus vergangenen Krisen viel gelernt und sind gut vorbereitet. So haben wir einen Notfallplan ins Leben gerufen. Dieser sieht beispielsweise Kurzarbeit als Sparmaßnahme vor – auf einen weiteren Stellenabbau haben wir bewusst verzichtet, um den aktuellen Mitarbeiterstand zu halten. In den zwei Wochen, während die Produktion im April komplett heruntergefahren war, haben die Mitarbeiter Überstunden und Urlaubstage abgebaut.

SPOTLIGHTMETAL: Abgesehen von der Kurzarbeit und dem Stundenabbau – welche personellen Maßnahmen mussten sie aufgrund von Corona noch treffen?

Rainer Kurtz: Wir haben das Virus von Anfang an sehr ernst genommen und dafür Sorge getragen, dass wir es aus dem Unternehmen draußen halten. Aus diesem Grund haben wir Mitarbeiter schon bei dem leisesten Verdacht für zwei Wochen in Quarantäne geschickt und viele haben von zu Hause gearbeitet. Das war möglich, weil wir erst letztes Jahr ein neues Rechenzentrum gebaut haben. Wir haben jetzt also zwei Rechenzentren – eines in Wertheim und eines in Wiebelbach - welche miteinander verbunden sind. Deswegen war es möglich, dass selbst Konstrukteure über virtuelle Zugänge mit der gewohnten Performance im Homeoffice arbeiten konnten. Als weitere Schutzmaßnahme haben wir an den Eingängen Fieber gemessen und Desinfektionsmittelspender aufgestellt. Natürlich gehörte auch die offene Informationspolitik zur Tagesordnung. So haben wir Anfang März bereits eine tägliche Telefonkonferenz eingeführt, an der Mitarbeiter des Managements, des Betriebsrats und sogar des Katastrophenschutzes teilgenommen haben. Im Rahmen dieser Meetings haben wir klare Regelungen zum Umgang mit dem Coronavirus geschaffen und unsere Mitarbeiter entsprechend auf den aktuellen Wissensstand gebracht. Außerdem haben wir allen nahegelegt, die Corona-Warnapp zu nutzen, sodass wir auch die digitalen Möglichkeiten voll ausschöpfen.

SPOTLIGHTMETAL: Unabhängig von der Corona-Krise hat sich der Kurtz Ersa Konzern bereits im Jahr 2018 von der Eisengießerei in Hasloch getrennt. Fand der Beginn der Neuausrichtung in Wirklichkeit schon an diesem Punkt statt oder hatte die Entscheidung andere Gründe?

Rainer Kurtz: Die besagte Eisengießerei und auch der Bereich Lohnarbeit gehörte zu unserem einstigen Geschäftsbereich Metal Components. Zu diesem Geschäftsbereich gehörten drei Gießereien. Dazu gehörte auch eine Blechverarbeitung in Wertheim und eine in Baiersdorf bei Nürnberg zur der auch dieser kleine Teil mechanische Bearbeitung gehörte. Und dieses Geschäft machte 2007 das größte Feld im Kurtz Ersa Konzern aus. Nun werden wir dieses Geschäftsfeld ab dem 01. August 2020 vollständig eliminiert haben, aber wir sind trotzdem gewachsen. Wir haben in den letzten 13 Jahren also schon eine große Transformation erlebt, indem wir uns von den Gießereien, der Blechverarbeitung sowie von der mechanischen Bearbeitung und nun auch von der Vorfertigung getrennt haben. Das ist ein Teil unserer langjährigen Strategie, denn uns ist damals bewusst geworden, dass wir zu komplex aufgestellt sind und eine klare Linie verfolgen müssen. Wir wollen ein Industriekonzern sein, der auf mehreren Beinen steht und das ist uns nun gelungen: Wir haben immernoch drei Geschäftsfelder, nämlich Electronics Production Equipment, Moulding Machines – gerade in der Umstrukturierung – und unseren neusten Bereich Automation, in dem Montagelinien automatisiert werden. Wir sind nun also ein reiner Engineering Konzern mit ein paar Standardprodukten und der Fähigkeit zur Systemintegration.

Die Kurtz GmbH beim Forum Giesserei-Industrie 2020

(Source: SPOTLIGHTMETAL)

Auf dem "Forum Gießerei-Industrie" vom 4. bis 5. November 2020 in Würzburg ermöglicht SPOTLIGHTMETAL einen exklusiven Branchendiskurs. Top-Speaker der Gießerei-Branche geben Impulse und zeigen Wege aus der Krise. Auch Lothar Hartmann, Geschäftsleitung Automotive der Kurtz GmbH, wird dabei sein und über das "Spannungsfeld Einkauf und Lieferantendasein – was sind die Entscheidungsmerkmale: Budget, billig oder preiswert?" referieren.
Aufgrund aktueller Sicherheitsbestimmungen ist die Zahl der Präsenztickets streng limitiert. Merken Sie sich jetzt den Termin vor und erfahren Sie zuerst vom Start des Ticketverkaufs!

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SPOTLIGHTMETAL: Künftig soll sich die Kurtz GmbH vorrangig auf die Geschäftsfelder Automotive und Protective Solutions konzentrieren und Kunden aus der Automobil- und Kunststoffindustrie umfassende Lösungskonzepte anbieten. Inwiefern lässt sich dieser verstärkte Fokus auf die Automobilindustrie mit der verringerten Nachfrage von Gussteilen vereinen?

Rainer Kurtz: Unsere Kunden der Automobilindustrie kommen nicht nur aus dem Metall- sondern auch aus dem Kunststoffbereich. Wir haben die Aktivitäten also neu zusammengefasst und bieten zum einen Kompetenzen im Bereich Protective Solutions an. Das heißt konkret, dass wir die Maschinen herstellen, mit welchen beispielsweise Stoßfänger, Seitenaufprallschutze, Polster im Armaturenbrett und Werkzeugträger aus Schaumkunststoffen gefertigt werden. Zusätzlich arbeiten wir an etwas Neuem, so befinden sich gerade innovative Anwendungsmöglichkeiten von Hart- und Schaumkunststoffen im Karosseriebereich in der Vorentwicklung. Es wird noch weitere neue Bereiche geben - auch im Metallbereich - aber darüber kann ich erst im Detail sprechen, wenn die Zeit reif ist.

SPOTLIGHTMETAL: Für die strategische Zukunftsgestaltung soll außerdem das Kompetenzcenter „Future Business“, in dem neue Technologien analysiert und entwickelt werden, entscheidend sein. Wie funktioniert die dort entwickelte „Radiofrequency Technologie“, die Sie als Weltneuheit bezeichnen und welche Branchen sollen davon profitieren?

Rainer Kurtz: Damit der Schäumprozess bei der Herstellung von Partikelschaumstoffen überhaupt funktioniert, benötigt es Wasserdampf. Wer also unsere Maschinen kauft, um Teile aus Partikelschaumstoffen herzustellen, benötigt auch eine Dampferzeugungsanlage. Allerdings lohnt sich eine solche Anlage nicht für eine einzige Maschine, da die Anschaffungskosten zwischen einer und zwei Millionen Euro liegen. Ein typischer Kunde mit Wasserdampfanlage speist damit also 10 bis 40 Maschinen. Das ist die Ist-Situation. Viele Kunden möchten einzelne Anwendungen jedoch selbst herstellen, aber können sich die Anschaffung einer Dampfanlage nicht leisten. Deswegen wird schon seit Jahrzehnten nach einer Möglichkeit gesucht, vom Dampf wegzukommen. Mit der Radiofrequency Technologie haben wir eine erste funktionierende sowie industrietaugliche Lösung zur Verschäumung von Kunststoffpartikeln gefunden. Der Prozess ist ganz ähnlich, nur dass anstelle von Wasserdampf elektromagnetische Wellen zum Einsatz kommen. Der Wechsel der elektrischen Felder führt zu einer schnellen Bewegung der Kunststoffmoleküle, wodurch diese heiß werden und dieselbe Wirkung wie Dampf entfalten. Der Vorteil liegt allerdings darin, dass die Energie nur vom Schaum aufgenommen wird, sodass die Maschinen und Werkzeuge im Gegensatz zur Verwendung von Dampf nicht mehr heiß werden. Auf diese Weise wird nicht nur Energie gespart, sondern auch Zeit. Auf der Kunststoffmesse in Düsseldorf wurde diese Methode als Weltneuheit bekannt gegeben, was uns jede Menge Zuspruch verschafft hat. Dieser weltweite Know how Vorsprung wird unser Geschäft in Zukunft stärken. Das ist also unser Future Business!

SPOTLIGHTMETAL: Vielen Dank für das Interview, Herr Kurtz.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf unserem Partnerportal Spotlightmetal veröffentlicht.

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