China Market Insider China ist auf dem Weg zur Werkbank der Welt bei der High-End-Fertigung

Autor / Redakteur: Henrik Bork / Melanie Krauß

Die modernste VW-Fabrik weltweit hat ihren Betrieb in Shanghai aufgenommen. Sie produziert erstmals E-Autos in Masse. Für China ist dies jedoch nur eine von mehreren „Superfabriken“. Weitere sollen folgen.

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Zukünftig will China vermehrt technisch hochwertige Produkte wie E-Autos, Roboter und Flugzeuge exportieren.
Zukünftig will China vermehrt technisch hochwertige Produkte wie E-Autos, Roboter und Flugzeuge exportieren.
(Bild: ©Eisenhans - stock.adobe.com)

Am 27. Oktober 2020, ist das erste Modell ID.4 X in Shanghai vom Band gerollt. Damit hat die Massenproduktion von E-Autos bei SAIC Volkswagen offiziell begonnen. Für Volkswagen ist dies ein wichtiger Meilenstein, denn damit hat das erste VW-Werk weltweit mit der Fertigung von E-Autos auf der Basis der neuen MEB-Plattform für E-Autos begonnen.

Aus chinesischer Sicht ist hier jedoch noch ein anderer Meilenstein erreicht worden: Wieder ist eine neue „Superfabrik” in Betrieb genommen worden, und wieder in einer Zukunftsindustrie. 1,7 Mrd. Yuan (rund 217 Mio. Euro) hat das chinesisch-deutsche Joint-Venture Presseberichten zufolge in diese hochmoderne Fabrik investiert, mehr als Tesla in die erste Phase seiner „Giga Factory” in Shanghai.

Dies ist derzeit nicht nur die neueste, sondern mit 1400 Robotern und komplett über industrielles W-Lan vernetzt auch die modernste Fabrik von Volkswagen weltweit, fürs Erste mit einer Produktionskapazität von 300.000 Autos jährlich. Das Etikett „Superfabrik” ist hier also durchaus angebracht. Noch interessanter wird dieser Meilenstein, wenn man erkennt, das in Shanghai aus chinesischer Sicht nur eine von vielen neuen Superfabriken eröffnet worden ist.

Während derzeit viel von „Decoupling”, also der Abwanderung der Fertigungsindustrie aus China geredet wird, findet in Wirklichkeit genau das Gegenteil statt. China kann immer mehr weltweit führende Konzerne überzeugen, ihre Massenproduktion in der Volksrepublik auszubauen. Die beiden gerade erwähnten Firmen VW und Tesla sind da nur zwei Beispiele von vielen.

Biopharma ist eine weitere High-Tech-Industrie, in der komplette, hochmoderne Wertschöpfungsketten zunehmend in China entstehen. Die Firma Bloomage BioTechnology produziert in ihrer Superfabrik in der chinesischen Küstenprovinz Shandong 86 % des globalen Marktbedarfs an Hyaluronsäure, die in vielen Kosmetika enthalten ist und auch bei Augenoperationen zum Einsatz kommt.

Wie so oft hat sich rund um diese Biopharma-Superfabrik ein ganzer Industriecluster mit mehreren hochspezialisierten Zulieferern gebildet. Dies ist auch der Fall rund um die Superfabrik von Airbus in Tianjin. Dort ist Ende Oktober der 500. A320 ausgeliefert worden. Neben Hamburg, Toulouse und Mobile in den USA ist die chinesische Hafenstadt damit ein wichtiger Standort für Airbus geworden.

Wegen des Bedarfes von Airbus und ähnlichen Konzernen konnten in der „Freihandelszone Tianjin nach und nach mehr als 60 Projekte in den Bereichen Fertigung und Wartung der Luftfahrtbranche angesiedelt werden, eine komplette Luftfahrt-Wertschöpfungskette”, schreibt das chinesische Nachrichtenportal Zhongguo Xinwen Wang.

Ein weiteres Beispiel für eine Superfabrik ist die „Fabrik Nummer 18” von Sany Heavy Industry in Changsha in der bislang eher als Heimat von Mao Tsetung und höllisch scharfer Chili-Schoten bekannten chinesischen Provinz Hunan. In dieser voll automatisierten „Leuchtturmfabrik” der chinesischen Fertigungsindustrie rollt alle 45 Minuten ein neuer Betonmischer vom Band.

Sany und 23 weitere Hersteller von Baumaschinen in Changsha haben in den ersten acht Monaten dieses Jahres einen Gesamtproduktionswert von 124 Mrd. Yuan (15,8 Mrd. Euro) erwirtschaftet. Das ist immerhin 1 Mrd. Euro mehr als der gesamte Umsatz der deutschen Baumaschinenindustrie im vergangen Jahr - in einer einzigen chinesischen Stadt.

Skalierungseffekte, ermöglicht durch die Größe des chinesischen Marktes, sind bekanntermaßen wichtig für die Fertigungsindustrie. Komplette Wertschöpfungsketten, relativ kompetente Arbeiter und Ingenieure und eine industriefreundliche Politik, die Parteikader nach KPIs wie lokalem Wirtschaftswachstum bewertet und befördert, – all dies bringt China mit.

Ein weiterer wichtiger Grund für die Ansiedlung von immer mehr Superfabriken in China ist die gezielte Industriepolitik der Pekinger Zentralregierung. Sie hat es sich zum Ziel gemacht, dass technisch hochwertige Produkte wie E-Autos, Roboter oder Flugzeuge künftig nicht mehr nur „in China für China” produziert werden. Sie will, dass all diese Industriegüter künftig auch immer häufiger aus China in alle Welt exportiert werden.

Daher, mit diesem Ziel vor Augen, will man dem Label „Made in China” nun Schritt für Schritt die neue Bedeutung “Smartly Made in China” geben. Während deutsche Bürokraten der im Bau befindlichen Tesla-Fabrik bei Berlin wegen eines Streits um Gebühren das Wasser abdrehen, überschlagen sich Lokalpolitiker in Shanghai, Changsha oder Tianjin derzeit dabei, ausländischen Konzernen Baufläche zur Verfügung zu stellen und unterstützen die Errichtung neuer Superfabriken, wo sie nur können.

In vielen Bereichen, etwa bei E-Autos, hat China eine reale Chance, künftig auch als Exportnation zu reüssieren. „Dieses Land muss erst noch ein Export-Hub für traditionelle Automobile werden. Aber bei Elektrofahrzeugen könnte dies eine ganz andere Geschichte sein”, schrieb kürzlich das Wall Street Journal in einem Bericht über die Exportpläne für E-Autos von Tesla und BMW Brilliance aus chinesischen Fabriken.

Und die Autoindustrie ist da eben nur ein Stein von vielen auf dem Schachbrett der chinesischen Führung. Sie will, wie ihr jüngster Fünfjahresplan klar zeigt, China zur Werkbank der Welt für die High-End-Fertigungsindustrie ausbauen. Jedes E-Auto von VW oder BMW aus einer nagelneuen Superfabrik und jeder neue Airbus aus Tianjin sind ein weiterer kleiner Beweis dafür, dass der Plan funktioniert.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf unserem Partnerportal MM Maschinenmarkt veröffentlicht.

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