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Interview "Man traute mir nicht zu, inhaltlich über ein technisches Thema zu referieren"

| Redakteur: Anna-Lena Dosch

Im Interview spricht Stefanie Brickwede, Geschäftsführerin von "Mobility goes Additive" und Leiterin des Konzernprojekts 3D-Druck bei der Deutschen Bahn AG über die Themen Additive Fertigung, "Women in AM" und die damit verbundene Aufgabe mehr Frauen für Fach- und Führungskräftepositionen zu begeistern.

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Im Interview spricht Stefanie Brickwede über ihre Meinung zum Thema 3D-Druck.
Im Interview spricht Stefanie Brickwede über ihre Meinung zum Thema 3D-Druck.
(Bild: gemeinfrei // unsplash)

Mission Additive:

Wie wurden Sie auf die additive Fertigung aufmerksam? Ist 3D-Druck schon immer eine Leidenschaft von Ihnen?

Stefanie Brickwede: Als Verantwortliche für 3D-Druck bei der deutschen Bahn war ich mit Praktikanten auf der CEBIT unterwegs, um nach spannenden Themen Ausschau zu halten. Vor Ort schlugen sie vor, dass ich mir unbedingt einmal einen 3D-Drucker anschauen muss. Das Thema hat mich sofort begeistert. Schnell hatte ich die Idee, dass 3D-Druck eine Lösung für unsere Herausforderung sein könnte, Ersatzteile zu bekommen, die wir anderweitig gar nicht mehr auf dem Markt erhalten, beispielsweise für alte Anlagen und Lokomotiven.

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Ich finde es eine großartige Technologie. Ich selbst bin keine Ingenieurin, ich bin Ökonomin. Insofern fasziniert mich das Potenzial, welches dahintersteht, wenn man überlegt, was perspektivisch noch alles mit 3D-Druck möglich sein wird. Von technischen Ersatzteilen bis hin zu medizinischen Anwendungen per 3D-Druck wird die Produktion auf deutlich breitere Füße gestellt. Allein, dass immer mehr Menschen plötzlich zu Erfindern und Produzenten werden und ihre eigenen Ideen materialisieren können, finde ich eine sehr beflügelnde Idee.

Neben meiner beruflichen Begeisterung begeistert mich privat, dass ich immer noch davon träume, schicke – mit Betonung auf schick – orthopädisch-individualisierte Frauenschuhe zu drucken.

Mission Additive:

In der Branche wird die Nachhaltigkeit als ein großer Vorteil der additiven Fertigung bezeichnet. In Zeiten von Fridays for Future und dem Klimawandel – wie stehen Sie zum Thema Nachhaltigkeit - Meinen Sie es wäre eine Hilfe bzw. Verbesserung für die Umwelt mehr Teile additiv zu fertigen?

Stefanie Brickwede: Ja, absolut. Additive Fertigung bietet die Möglichkeit, deutlich nachhaltiger zu produzieren. Das äußert sich zum einen darin, dass man ab Losgröße 1 fertigen kann und nur das Material verbraucht, das man tatsächlich für ein Bauteil benötigt. Der Prozess ist anders als bei einem spanenden Verfahren, bei dem man einen großen Block hat und einen Teil rausfräsen muss, um das fertige Produkt zu erhalten; oder dem Gießen, bei dem es immer eine Mindestabnahmemenge gibt. Das heißt, 3D-Druck ist in der eigentlichen Fertigung deutlich nachhaltiger und materialeffizienter.

Außerdem ist man in der Lage, hochinvestive Anlagen, Maschinen, Lokomotiven oder Flugzeuge viel länger zu nutzen, da durch den 3D-Druck die Produktion der Ersatzteile länger gewährleistet werden kann. Durch die längere Erhaltung der Maschinen reduziert sich der ökologische Rucksack für die einzelnen Anlagen.

Des Weiteren ist man mit 3D-Druck in der Lage, leichtere Teile zu entwickeln und leichtere Mobilitätsanwendungen benötigen weniger Treibstoff. Zusätzlich können enorm lange Transportwege, zum Beispiel von Ostasien nach Europa, umgangen werden, weil die benötigten Teile lokal gedruckt werden können.

Von dem aktuellen Thema Umwelt mit viel Verbesserungspotenzial zu einem anderen Aktuellen, viel diskutierten Thema, bei dem es auch viel Verbesserungsbedarf gibt: der Frauenquote bzw. dem Frauenanteil im Allgemeinen und insbesondere auch in technischen Branchen.

Mission Additive:

Sie sind Mitbegründerin und Geschäftsführerin von MGA. Sehen Sie, seit Sie das Projekt ins Leben gerufen haben einen Anstieg der weiblichen Mitgliederanzahl?

Stefanie Brickwede: Das ist mir ein sehr wichtiges Thema. Was ich sagen kann ist, dass die Frauen in der Branche in den letzten drei Jahren deutlich sichtbarer wurden. Denn Additive Fertigung ist wunderbar für den Quereinstieg unterschiedlicher Berufe geeignet. Man sieht es an mir; ich bin Ökonomin, keine Ingenieurin. Ich glaube daran, dass wir das Potenzial von Frauen in dieser Technologie nicht vernachlässigen dürfen, zumal wir heute schon wissen, dass es nicht genug Menschen gibt, die bereits in dieser Technologie denken, arbeiten und designen können.

Als wir vor drei Jahren mit Women in AM starteten, war der Anteil der Frauen in der Branche enorm gering. Wenn ich früher auf Messen oder Veranstaltungen eingeladen war, hieß es häufig „Sehr geehrte Frau Brickwede, sehr geehrte Herren“. Ich war oft die einzige weibliche Person im Raum. Auch Dank Women in AM hat sich das erkennbar geändert.

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Mission Additive:

Meinen Sie mit einem Event wie "Women in AM" können mehr Frauen für die 3D-Druck Branche begeistert werden?

Stefanie Brickwede: Ja, definitiv. Bei Women in AM sind viele hochintelligente, engagierte, sehr gut geschulte Frauen vor Ort. Auch die Idee, bei großen Veranstaltungen mehr Frauen auf die Bühne zu bringen, die dort über ihre Anwendungen und Lösungen im Bereich des 3D-Drucks referieren, soll zur Verbesserung der Veranstaltungsqualität beitragen.

Es gibt Frauen, die sich nicht an Ingenieursthemen herantrauen die Möglichkeit, an technische Themen herangeführt zu werden. Auch Studentinnen und Schülerinnen profitieren davon. Ihnen ermöglicht es einen Einblick in diese Branche. Events wie dieses geben die Möglichkeit, den Kreis zu vergrößern. Je mehr erfolgreiche Frauen wir aus dem AM-Bereich sichtbar machen, desto mehr Vorbildrollen haben wir.

Bei Women in AM sind auch Frauen eingeladen, die international erfolgreich tätig sind. Wir haben zum Beispiel Laura Ely aus Pittsburgh, USA dabei, die gerade einen 3D-Druck Campus am Flughafen aufbaut und Dr. Özlem Weiss, die sich darauf spezialisiert hat Unternehmen in der Medizintechnik zu beraten. An diesen beiden und den weiteren Frauen, die Vorträge halten wird man erkennen, wie groß die Bandbreite und die Chancen auf diesem Gebiet sind.

Mission Additive:

Gab es, seit Sie in dieser Branche arbeiten, eine besondere Herausforderung, die Ihnen nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist?

Stefanie Brickwede: Ich war in einem Werk zu Besuch, um mögliche Teile für den 3D-Druck zu identifizieren. Der Werksleiter, aus einer konservativen Branche stammend, fragte mich mehrfach wann und ob meine Kollegen kommen würden damit wir anfangen könnten. Als ich ihm mitteilte, dass keine männlichen Kollegen meinerseits kommen werden, fragte er mich, ob ich da ganz sicher sei. Was hinter seiner Aussage stand: Er traute mir nicht zu, dass ich inhaltlich über ein technisches Thema referieren konnte. Nachdem ich ihn während der Präsentation von meiner Kompetenz überzeugen konnte, war er überaus freundlich, zeigte mir persönlich mit großem Interesse sein Werk und es war ihm plötzlich wichtig, dass ich verstehe was sein Unternehmen macht und was es umtreibt. Ihm war es im Nachhinein peinlich, dass er es mir nicht zugetraut hat (lacht).

Mission Additive:

Gibt es einen Rat den Sie anderen Frauen in der Branche mit auf den Weg geben wollen, der Ihnen am Anfang Ihrer Karriere geholfen hätte?

Stefanie Brickwede: Nicht gleich ins Boxhorn jagen lassen! Es gibt immer noch die Vorurteile, dass man Frauen ein solches Thema nicht erklären kann, da die Themen zu komplex für sie seien. Das ist natürlich totaler Quatsch! Männer haben die Technologie-Themen ja auch nicht mit der Muttermilch aufgesogen, sondern diese auch gelernt. Dementsprechend kann das jeder lernen. Man sollte sich als Frau einfach nicht entmutigen lassen, sondern mit Entschlossenheit weitermachen und solche Einwürfe schlichtweg ignorieren.

Mission Additive:

Sie haben auch Familie. Interessieren sich Ihre Kinder für das Thema 3D-Druck oder spielt das bei Ihnen zu Hause keine Rolle?

Stefanie Brickwede: Ich habe zwei Söhne. Der Kleine (7J.) findet das Thema interessant, aber richtig entflammt ist der Große (11J.). Er setzt sich gerne vor den 3D-Drucker und überlegt was man damit noch machen könnte. Für ihn ist das fast schöner als Fernsehen (lacht). Ihn fasziniert es, wie die Teile gedruckt werden. Er ist total begeistert und hat auch eine kleine Schatzkiste mit 3D-gedruckten Teilen zu Hause, für die ich ihm immer etwas Neues mitbringen soll, wenn ich unterwegs bin.

Mission Additive:

In dem 'Digital Factory Podcast' mit John Bruner aus dem Jahr 2018 sprachen Sie über ein Szenario der niederländischen ING Bank. Demnach sollen im Jahr 2040 die Hälfte aller Bestandteile weltweit druckbar sein. Seit Ihrer Aussage sind nun fast zwei Jahre vergangen. Wie stehen Sie dem Ganzen heute gegenüber? In dem Seit dieser Aussage Ihrerseits sind nun fast zwei Jahre vergangen. Wie stehen Sie dem Ganzen heute gegenüber - haben Sie Ihre Meinung geändert oder sind Sie immer noch der Meinung, dass 50% bis 2040 realistisch sind?

Stefanie Brickwede: Besonders die Aussage, wie groß das Potenzial ist, finde ich so unglaublich und stehe nach wie vor dahinter. Ich glaube, dass dieses Thema immer breiter wird. Aktuell fasst 3D-Druck in der Bauindustrie Fuß, mittlerweile entstehen ganze Gebäude durch 3D-Drucker. Hier ist man noch am Anfang, aber es wird sich in den nächsten Jahren rasant entwickeln. In einigen Branchen hat die Additive Fertigung herkömmliche Fertigungstechnologien tatsächlich fast schon abgelöst. Zum Beispiel bei der Herstellung von Zahnkronen oder der Fertigung von Hörgeräten spielt 3D-Druck mittlerweile die Hauptrolle. Das wissen wenige, daher wird es kaum bis gar nicht wahrgenommen. Der 3D-Druck wird sich immer weiter ausbreiten. Es gibt mittlerweile zu viele begeisterte, intelligente Menschen, die neue Use-Cases und Technologien entwickeln können und wollen.

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